22.07.07

Vinothek mit Geschichte

Posted in Abchillen, Orte mit einer Story at 22:27

Innenhof Wienergasse Nr. 10 / Klagenfurt Die Vinothek Lerch in Klagenfurt

Im Cafe Lerch ging es in den 1950er Jahren hoch her. Zum Beispiel zu Silvester 1953/54, als ein blutjunger Pianist dort aufspielte. Er wurde später unter dem Namen Udo Jürgens bekannt. Oder nicht zuletzt auch deshalb, weil es dort einen Kellner gab, der Otto Retzer hieß. Das alles spielte sich in der Wienergasse in Klagenfurt ab. Die Gasse verbindet den Alten Platz mit dem Heuplatz. Tausende Menschen strömen heute täglich durch die Wienergasse (in Richtung des neuen Mega-Kaufhauses). Nur die Wenigsten jedoch wissen, welch Geschichte die Häuser der Wienergasse atmen, wie eben beispielsweise jenes, in dem heute das Hähnchen-Restaurant Wienerwald Hühnerhaxen verkauft. Dort, eben dort, haute Udo Jürgens in die Tasten. An die lange Tradition des – mittlerweile geschlossenen – Cafe Lerch schließt heute die Vinothek Lerch an. Sie liegt etwas versteckt (Google-Map) in einem äußerst sehenswerten Innenhof der Wienergasse (Adresse: Wienergasse Nr. 10). Die Vinothek ist einmal ein Ort der Ruhe und wenn man vom Innenhof in den rechts davon liegenden zweiten Innenhof findet, dann hat man eigentlich schon gewonnen (Im Sommer ist es dort herrlich schattig und kühl). Das reichhaltige Weinangebot und die italienische Jause stellen zusätzliche Gründe dar, sich die Vinothek Lerch näher anzusehen. Am Vormittag tut es aber ein Espresso natürlich auch. Sollen die anderen doch ins Shopping Center rennen und sich dort abhetzen. Der Kenner labt sich derweil in der Vinothek Lerch.

Tip1: Fans von Udo Jürgens nehmen sich dorthin am besten einen MP3-Player mit und beamen sich in der Vinothek sitzend in die 50er Jahre zurück.
Tip2: All das, was sich um das berühmte Cafe Lerch der 50er Jahre und andere Innenstadtlokale erzählen lässt, findet man in einem lesenswerten Buch namens “Klagenfurter Melange” von Walter Rubenthaler. Erhältlich hier.

4 Kommentare »

  1. Jürgen said,

    24.07.07 at 11:16

    Ich hab ja mal gehört, dass in dem Haus vor ein paar Jahrhunderten ein Bordell untergebracht sein soll… aber in so manchem Haus der Innenstadt wird für Geld noch heute alles getan :o )

  2. Georg said,

    30.07.07 at 21:27

    Sind wir froh, dass nicht jeder Lerch kennt :-)
    Georg

  3. G.O.Egger said,

    17.06.08 at 07:09

    Walter Rubenthaler war dort in den 60ern Discjockey- Journalist, Radiomoderator und Konfroncier. Jetzt gibts auch noch ein Buch. Gratulation Walter Info—> http://www.blitzlicht.at/album/popup.php?pic=121701

  4. G.O.Egger said,

    17.06.08 at 07:12

    Das Klagenfurtner „Tanzcafé Lerch“

    Was mann noch wissen sollte?!

    Der Politologe Walter Manoschek, der das Rahmenprogramm mitorganisierte, veranschaulicht anhand des Beispiels des skandalösen Prozesses gegen den SS-Sturmbannführer Ernst Lerch in den 70er Jahren das typisch österreichische Phänomen der Nicht-Ahndung von NS-Verbrechen und Verschleppung von NS-Prozessen. Er leitet sei Referat mit der Tatsache ein, daß unter Kreisky vier ehemalige Nazis Ministerposten innehatten und unter Justizminister und ex-Trozkisten Broda über 800 (sic!) NS-Prozesse eingestellt wurden.

    Lerch gelangte bereits 1935 an die Spitze des Kärntner Sicherheitsdienstes. 1938 wurde er SS-Hauptbannführer in Klagenfurt. 1942 holte ihn sein Trauzeuge Odilo Globocnik nach Lublin. Er wurde sein Adjudant und Judenreferent sowie Verbindungsperson zur Wehrmacht. Später wurde er SS-Sturmbannführer.

    Seine Vergangenheit stellte nach `45 kein Hindernis für seine Karriere als Klagenfurtner Gastronom dar. Sein Tanzcafé Lerch wurde ein beliebter Treffpunkt. Er starb 1992.

    Die Untersuchungen der 60er Jahre zur „Aktion Reinhardt“ betrafen auch 50 Österreicher, darunter ein Drittel aus Kärnten. 60 Bände umfassen die Ergebnisse, 5 Laufmeter Belastungsmaterial aneinandergereiht. „Die Österreicher waren alle 150 %…“ so die Aussage eines im BRD-Treblinka-Prozess verurteilten Deutschen. In Österreich kam es zu keiner einzigen Verurteilung, da der politische Wille eines großen NS-Prozesses nicht vorhanden war. Drei Tage dauerte Lerchs Prozess in Klagenfurt im Mai 1972 um dann eingestellt zu werden – der Geheimdienstmann Lerch wußte von nichts, konnte sich an nichts erinnern. Manoschek nennt eine Reihe von Namen prominenten und weniger prominenten Kärntner Nazis rund um Globocnik: „Recherchen eines Kärntner Historikers, der damit keine Karriere machte.“

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